Otto von Bismarck

Otto von Bismarck entstammt einer alten Landadelsfamilie. Im Alter von sieben Jahren muss er seine Altmärkische Heimat verlassen, in Berlin erhält er eine gymnasiale Schulausbildung. Ebenfalls in der preußischen Residenzstadt schließt sich ab 1832 ein Jurastudium an. Seine Referendarzeit übersteht er mehr schlecht als recht in Berlin, Potsdam und Aachen. 1838 bricht er sein Jurastudium endgültig ab und dient als „Einjährig-Freiwilliger“ beim preußischen Militär. 1839 stirbt Bismarcks Mutter, gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard übernimmt er die Bewirtschaftung der väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchelin in Hinterpommern. Als Junker verschreibt er sich der Landwirtschaft und seinem ausgelassenen Junggesellendasein. Im Jahre 1842 bereist er England, Frankreich, Italien und die Schweiz. Wieder in der Heimat nimmt er Kontakte zum Kreis pommerscher Pietisten um Hans von Kleist-Retzow, Moritz von Blanckenburg und dessen Frau Marie von Thadden-Trieglaff auf. Im Oktober 1845 wird Bismarck Abgeordneter des Provinziallandtages in Pommern. Kurz darauf stirbt sein Vater, er übernimmt das väterliche Stammgut Schönhausen.
Am 8. Mai 1847 rückt Bismarck als Stellvertreter eines erkrankten Abgeordneten in den Vereinigten Preußischen Landtag nach. Er engagiert sich in der Kampagne zur Verteidigung der Patrimonialgerichtsbarkeit und wird mit den Politikern Ludwig und Leopold von Gerlach bekannt. Im selben Jahr heiratet er Johanna von Puttkammer in Reinfeld (Pommern).
In den Märztagen der Revolution von 1848 bietet sich Bismarck Friedrich Wilhem IV. für konterrevolutionäre Aktivitäten an. Im revolutionären Berlin ist er Mitarbeiter der konservativen „Kreuz-Zeitung“.
1851 wird er als preußischer Vertreter zum Bundestag nach Frankfurt am Main geschickt, als „Nur-Preuße“ voller Verachtung für den „deutsch-nationalen Schwindel“. Er verteidigt die Olmützer Verträge und wird zum erbitterten Feind Österreichs.
In den darauffolgenden zehn Jahren ist Bismarck mehrfach im diplomatischen Dienst tätig, als preußischer Gesandter erst am russischen Hof in St. Petersburg, dann in Paris.
Seine politische Schicksalsstunde schlägt am 22. September 1862. Protegiert von Kriegsminister Roon soll er die Verfassungskrise zwischen Parlament und Königshaus für Wilhelm I. lösen. Er bietet sich dem König als Ministerpräsident an, um das Parlament und den Parlamentarismus „in Schach zu halten“. Am 8. Oktober 1862 wird Otto von Bismarck mit 47 Jahren zum preußischen Ministerpräsident ernannt, er wird dieses Amt (später als Reichskanzler) 27 Jahre ausüben.
Vor dem Parlament hält er seine berüchtigte „Blut und Eisen“-Rede. Schon hier prophezeit er die zukünftige Entwicklung Preußens und Deutschlands:
„Preußens Grenzen nach den Wiener Verträgen sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig; nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.“
Bismarck skizziert schon zu diesem Zeitpunkt, wie er die Hegemonie in Deutschland zu erreichen gedenke. Er warnte vor „passiver Planlosigkeit“, die Preußen schon 1806 zugrunde gerichtet hätte: „Wir werden Amboss, wenn wir nichts tun, um Hammer zu werden.“
Bei Amtsantritt sah die Öffentlichkeit in ihm einen Mann der konservativen Gegenrevolution und ein Werkzeug des Militärs. „Mit der Verwendung dieses Mannes ist der letzte und schärfste Bolzen der Reaktion von Gottes Gnaden verschossen.“ So Ludwig Rochau in der Wochenzeitung des Nationalvereins. Bismarck lässt keinen Zweifel aufkommen: Er will kompromisslos gegen die innenpolitische Opposition kämpfen. Obwohl er die nationale Einigung immer wieder postuliert, bleibt Bismarck ein Mann des alten Preußens. Er kooperiert zwar taktisch mit den nationalen Kräften, aber für ihn war das nationale Prinzip nie wirklich politikstiftend.
So verstärken sich die Diskrepanzen zwischen Bismarck und den Nationalen, als es im Jahr 1863 zum polnischen Aufstand gegen die russische Herrschaft kommt. Bismarcks Politik läuft auf ein Unterstützung Russlands bei der Niederschlagung des Aufstandes hinaus. Er äußert vor allem strategische Gründe:
„Die Wiederherstellung des Königreichs Polen in irgendeinem Umfang ist gleichbedeutend mit der Herstellung eines Bundesgenossen für jeden Gegner, der uns angreift.“
1864 führt Bismarck „seinen“ ersten Krieg. Der Sturm auf die Düppeler Schanzen am 18. April entscheidet den Sieg der Preußen und Österreicher über die Dänen um die Zugehörigkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein zum Deutschen Bund. An der Frage des Umgangs mit den Elbherzogtümern eskaliert 1866 der Dualismus zwischen Preußen und Österreich. Es geht um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Österreich ist zu einem Ausgleich zu Bismarcks Bedingungen nicht bereit, daher zielt der preußische Ministerpräsident auf eine entscheidende Zuspitzung des Konflikts. Er rüstet zum deutsch- deutschen Krieg. Bismarcks Kurs ist in Preußen nicht unumstritten. Der liberale Jurist Rudolf von Ihering notiert am 1. Mai 1866:
„Mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen grauenhaften Frivolität ist vielleicht noch nie ein Krieg angezettelt worden wie der, den Bismarck gegenwärtig gegen Österreich zu erheben versucht. Das innerste Gefühl empört sich über einen solchen Frevel an allen Grundsätzen des Rechts und der Moral.“
Der Streit um Holstein ist für beide Preußen und Österreich Grund genug zum Waffengang. Am 3. Juli 1866 kommt es zur Schlacht bei Königgrätz, die Preußen für sich entscheiden kann. Im Frieden von Prag muss Wien seine Zustimmung zur Gründung eines neuen Bundes nördlich des Mains unter preußischer Führung geben. Preußen annektiert u.a. Hannover, Holstein, Schleswig und Frankfurt am Main. Damit ist die preußische Hegemonie unter Bismarcks Regie über Nord- und Mitteldeutschland manifestiert.
Einstige Kritiker Bismarcks ändern ihre Haltung. So schreibt Rudolf von Ihering schon drei Monate später:
„Ich beuge mich vor dem Genie Bismarcks, der ein Meisterstück der politischen Kombination und der Tatkraft geliefert hat. Ich habe dem Mann alles, was er bisher getan hat, vergeben, ja mehr als das, ich habe mich überzeugt, dass es notwendig war, was uns Uneingeweihten als frevelhafter Übermut erschien, es hat sich hinterher herausgestellt als unerlässliches Mittel zum Ziel. (...) Ich gebe für einen solchen Mann der Tat (...) hundert Männer der liberalen Gesinnung, der machtlosen Ehrlichkeit.“
1867 konstituiert sich unter preußischer Führung der Norddeutsche Bund, Bismarck wird Bundeskanzler. Nach den Siegen von Düppel und Königgrätz unterbreitet er dem preußischen Parlament die Indemnitätsvorlage, um nachträglich die formelle Bewilligung der Kosten für die Heeresform und die beiden Kriege zu erhalten.
Eine „ Reichsgründung von oben“, d.h. die Eingliederung der süddeutschen Staaten in den preußisch dominierten Norddeutschen Bund ist das Endziel der Bismarckschen Einigungspolitik. Bismarck hat auf diesem Weg schon viel erreicht: Der Vielvölkerstaat Österreich ist aus Deutschland hinausgedrängt, Preußen nicht zuletzt durch den Zollverein endgültig zur wirtschaftlichen und militärischen Hegemonialmacht in Deutschland aufgestiegen. Die innere Ordnung Preußens und die Monarchie ist gefestigt, die Dominanz des Königs gegenüber dem Parlament erhalten geblieben. Nur die Schaffung eines deutschen Nationalstaates steht noch bevor. Der sich abzeichnende Streit um die Thronfolge in Spanien gibt Bismarck die Gelegenheit, sein Werk der deutschen Reichseinigung zu vollenden. Durch sein diplomatisches Geschick im Zusammenhang mit der „Emser Depesche“ stand Frankreich als Angreifer da. Mit der Reichsgründung am 18.1.1871 in Versailles und der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser tritt an die Stelle der alten europäischen Ordnung das Prinzip der nationalstaatlichen Ordnung Europas. Bismarck wird deutscher Reichskanzler.
Seine Hauptaufgabe sieht er in der inneren Konsolidierung des Reiches und dessen Einbindung in ein internationales Bündnissystem. Gemäß Bismarcks Motto, „setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel, reiten wird es schon können“, glich Bismarcks Politik in den Jahren nach der Reichsgründung einem Experimentierfeld. Innenpolitisch sucht er durch eine „Revolution von oben“, den durch Liberalisierung, Industrialisierung und Bevölkerungsexplosion veränderten politischen Anforderungen zu entsprechen. Das antiliberale katholische Zentrum will er durch den „Kulturkampf“ ausschalten, provoziert damit jedoch neue innenpolitische Konfrontationen, so dass er sich 1878 schließlich zum Einlenken gegenüber den Kirchen gezwungen sieht. Mit dem Sozialistengesetz von 1878, das alle sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen politischen Vereinigungen untersagt, sollen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ unterbunden werden, die Bismarck ebenso wie vorher die katholische Kirche als „ Reichsfeinde“ ansieht. Es beschwört jedoch eine neue innenpolitische Krise herauf und verfehlt zudem sein Ziel, die Sozialdemokratie zu zerschlagen. Nach das Gesetz 1890 wieder aufgehoben ist, wird die Sozialdemokratie stärkste Fraktion im Reichstag. Parallel zum Sozialistengesetz initiierte Bismarck weitreichende, vergleichsweise fortschrittliche Sozialgesetze, u. a. zur Kranken-, Unfall-, Renten- und Invaliditätsversicherung. Hintergedanke bei seinem Sozialgesetzgebungswerk war, die Arbeiterschaft für sich zu gewinnen, sie von der Sozialdemokratie zu entfremden und diese somit weiter zu schwächen. Bismarcks Außenpolitik ist von der klaren Einsicht gekennzeichnet: Deutschland ist machtpolitisch an seine Grenzen vorgestoßen und muß eine Politik der Saturiertheit betreiben. Zu seinen Grundeinsichten gehört es, daß Rußland und Frankreich nicht auf Dauer besiegt oder niedergehalten werden konnten. Folglich lehnt er Präventivkriege nach Osten oder Westen zur Errichtung einer stabilen Vorherrschaft Deutschlands ab. Bismarck beteibt eine Friedenspolitik ohne Alternative. 1879 schließt er den Zweibund mit Österreich, der 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreierbund wurde, und 1887 vereinbarte er den Rückversicherungvertrag mit Rußland. Kaiser Wilhelm II. entlässt Otto von Bismarck am 20. März 1890 wegen unüberbrückbarer persönlicher und politischer Gegensätze aus seinem Amt.
Bismarck zieht sich daraufhin auf sein Landgut Friedrichsruh im Sachsenwald zurück, wo er am 30. Juli 1898 stirbt.


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